Jürgen Heiter

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Mes Amis (D 2001)
Spielfilm nach dem gleichnamigen Roman von Emmanuel Bove

Darsteller: Andreas Walther, Benjamin Katz, Rosa Barba, Antonio Quarta, Friedrich Höricke,
Theresa Baron, Robin Denault, Maria Anna Tappeiner, Jürgen Heiter, Norbert Selbach,
Frauke Wilken, Hans-Jürgen Peters, Karl-Heinz Heiter und Ora Katz
Mitwirkung an Buch und Dramaturgie: Cony Theis
Buch / Regie: Jürgen Heiter , Heiter Filmproduktion
in Zusammenarbeit mit ZKM I Zentrum für Kunst und Medientechnologie, Karlsruhe,
92 Minuten Digi-Beta, D. 2001, © Heiter Filmproduktion
Uraufführung im Medientheater des ZKM, Karlsruhe am 3.11. 2001



Der Film hat zwei Akte,

primo Tempo ( es lebe der Tod)
Was ist Zeit?

secondo Tempo ( das Leben)
Aber dann: Kann man die Zeit erzählen?

Wenn in in primo Tempo auch alles sehr schnell geht und Luisa schon tot ist, kaum daß Alberto
seinen Espresso getrunken hat - wenn also der Erzähler zu Recht sagen kann: Das Leben flieht dahin –
so ist das ja nur die Rückseite der Langsamkeit in secondo Tempo, wo jeder, auch Victor Baton,
alle Möglichkeiten hat und wo es am Ende dann trotzdem zugeht wie in „Carmen“- Links die Toten
und rechts die Verwundeten, denn dies ist ein Liebesfilm.


Der Roman


Im Alter von 23 Jahren schrieb Emmanuel Bove den Roman Mes Amis, der als sein Hauptwerk
gelten kann und 1924 in Paris erschien.
In einem Vorwort zu Mes Amis schreibt Peter Handke, der das Buch 1981 übersetzte:
“Bis zu seinem Tod, 1945 in Paris, schrieb Bove noch etwa zwanzig Erzählwerke... Nach seinem
Tod wurde er vom literarischen Betrieb vergessen, nicht aber von seinen Lesern.
Unter diesen waren bemerkenswert viele Maler und Zeichner, u.a. Bram van Velde,
Roland Topor; Maurice Utrillo hatte schon 1927 das Frontispiz zu einem anderen Buch von
Bove geschaffen... Diese Leser erreichten 1977 eine Neuausgabe von Mes Amis...“

„Niemand ist dafür geschaffen, einen anderen zu verstehen.“ ( Boves Helden der Untätigkeit)
Mes Amis schildert einen Abschnitt aus dem Leben Victor Bâtons im Paris der zwanziger
Jahre. Bâton wünscht sich nichts sehnlicher als einen Freund, um seiner Einsamkeit zu
entrinnen. Die Versuche, die er in dieser Richtung unternimmt, scheitern jedoch alle:
Am Ende lebt er, nachdem ihm sein Zimmer gekündigt wurde, in einem heruntergekommenen
Hotel.
An seiner Einsamkeit allerdings ist niemand so sehr schuld wie Victor Bâton selbst. Immer
wieder gerät er in die gleiche Bredouille, nämlich die Einsamkeit zu fürchten und andererseits
wegen seiner vermeintlichen Weichherzigkeit übervorteilt zu werden.
Wenn er sich dann entschließt, auf ein Gegenüber zuzugehen, dann tut er dies mit einer
geradezu pubertären Maßlosigkeit: “Ich hatte nicht vor zu sterben; aber Mitleid zu erwecken,
das hat mir oft gefallen... In einer solchen Phase, gegen Ende des Romans (und auch des
Films) trifft er auf einen Matrosen, Neveu, der gänzlich mittellos ist und daher den Plan
gefaßt hat, sich zu ertränken. Der ansonsten rührselige Bâton ist in dieser chaplinesken Situation
erst einmal völlig ungerührt und läßt den Matrosen in dem Glauben, daß er sich mit ihm ertränken
werde: “Man möchte nicht verdächtigt werden, Angst vor dem Tod zu haben.“
Als er aber merkt, daß Neveu ernst macht - dieser füllt sich, um schneller unterzugehen, die
Hosentaschen mit Kieselsteinen - muß Bâton handeln: “He!... Wir sind gerettet“! Ich habe
gerade gemerkt, daß ich noch ein bißchen Geld bei mir habe...“
Bâton ist furchtbar arm und zugleich in einem gewissermaßen höheren Sinne untätig.
Immer wieder versucht er tolpatschig, sich das, was er am meisten wünscht, zu verschaffen,
die Liebe einer Frau etwa, doch auch hier geht es vor allem um große Worte - und Gesten:
“ Eigentlich hatte ich ihr, nach dem Beispiel der großen Liebhaber, die Kleider und die Wäsche,
samt Knöpfen, vom Leib reißen wollen, aber die Furcht vor einer Rüge hielt mich zurück.“

In der schwer entzifferbaren Welt der sozialen Signale kann er sehr oft die Zeichen nicht lesen
und bestimmt dann selbst, was ein Zeichen ist und was es bedeutet. In der Verkleidung
logischer Abfolgen tritt so immer wieder das Absurde zutage:“ Seit er vom verwerflichen
Verhalten ihres Mannes gehört hatte, kam sie ihm weniger begehrenswert vor.“
Oder:“ Um mich zu beruhigen, stellte ich mir all das Glück vor, welches geschähe, wenn sie
mich lieb hätte. Aber niemand soll glauben, daß ich an ihren Reichtum dachte. Trotzdem
muß ich sagen: Wäre sie arm gewesen, so wäre meine Liebe entschwunden. Und das ist etwas,
was ich nicht begreife.“
Die aus solchen Überlegungen resultierenden verheerenden Irrtümer schießen in der vermeintlichen
Erkenntnis zusammen, daß niemand geschaffen ist, einen anderen zu verstehen.
Boves Kunst ist die der minutiösen Beschreibung des Details von der Misère. Daher geht es ihm
auch nicht darum, zu erklären, weshalb keiner den anderen versteht. Bove zeigt vielmehr, wie es ist,
wenn keiner den anderen versteht.


Das Rauschen - Victors Vakuum


Es denkt pausenlos in ihm: Tag für Tag, und oft auch nachts, versucht Bâton zu ergründen,
was die anderen von ihm halten. Dabei sind die Äußerungen der anderen, ihre Worte, Gesten
und Handlungen, nur das Spielmaterial seiner Deutungen, die immer wieder neu in Gang
gebracht werden können.
Er lebt in einer Art Vakuum; darin rauscht der Gang seiner Gedanken unentwegt in alle Richtungen,
kommentiert sein Handeln und die Szene oder nimmt sie vorweg, verdoppelt sie scheinbar.
Die Frage, wer er sei, könnte er nicht beantworten, weil er in einem ewigen Findeprozeß
begriffen, in einem Irrgarten der Meinungen verstrickt ist.
Vor allem aber, solange er nicht weiß, wer er ist, solange lebt sein Denken und Empfinden
immer nur in der Vergangenheit und in der Zukunft, während er in sich der Gegenwart einfach
nur die Schuhe auszieht oder eine Zigarette anzündet.


Bâton im Glück


Was er will, ist ein Platz unter den Menschen, ein Platz, der ihm ohne Neid zugestanden
würde, weil er gar nichts Beneidenswertes hätte. Er wäre einfach respektabel.
Das hört sich bescheiden an und ist doch viel verlangt, denn weder hat er einen Beruf noch
besondere Neigungen, außer der, ein gutes Leben ohne besondere eigene Anstrengungen
führen zu wollen. Hin und wieder hat er auch Glück, aber mitten im Glück fällt ihm ein,
daß dieser Moment vielleicht nur eine Minute seines ganzen Lebens ausmacht. Womit natürlich
gleich wieder sein Unglück weitergehen kann.


Der Film


Ausgangspunkt war die filmische Übersetzung eines literarischen Textes.
Das bedeutet nicht: derselbe Text in einer anderen Sprache, sondern etwas völlig Neues.
Victor lebt nicht nur nicht im Paris der zwanziger Jahre sondern ist auch wesentlich jünger
als der Victor des Romans. Auch sind natürlich neue Figuren und Themen dazu gekommen.
Was im Film daraus resultierte, ist also nicht unbedingt Victors Geschichte...das auch
...aber es ist eher...eine Geschichte vom Wachstum von Geschichten...keine Welt,
sondern die Möglichkeit einer Welt, oder wenigstens die Wahrscheinlichkeit dieser Möglichkeit.



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